Halle für Alle?
Am 7.November 2017 heißt es in der GZ: „Tessner schenkt Goslar 10,5 Mio. Euro“. Spätestens Ende 2019 soll mit dem Bau der Multifunktionshalle begonnen werden. 6,5 Mio. für die Halle, weitere 4 Mio. für den Betrieb. 20 Jahre lang mit 200.000 Euro unterstützt.
Dann kam die Teuerung und die zwar sinkende, aber nach wie vor wirkende Inflation knabbert weiter an den Summen. So wird das großzügige Geschenk eines Ehrenbürgers mehr und mehr zum Finanzierungsproblem für die Stadt. Denn auf mittlerweile 13.9 Mio. ist die Eigenbeteiligung Goslars gestiegen, der Zuschuss des Investors blieb entgegen der Teuerung und Inflation stabil.
Für eine Halle, die nicht allen gefällt. Ebenso wenig, wie die Kostenbeteiligung. Denn beides entzündete die Diskussion, die dann erst ins Bürgerbegehren und nun in den Bürgerentscheid mündet. Die Bürger sollen halt entscheiden, ob sie diese Entwicklung mitvollziehen können und wollen.
Denn angesichts der Pflichtaufgaben, die zahlreich sind - angesichts der zu erwartenden hohen Unterhaltungskosten, die jährlich mit der neuen Halle auf die Stadt und damit letztlich auf uns alle zukommen, ist die Diskussion über das Für und Wider hochaktuell.
Auch angesichts von Erfahrungen, die noch so mancher in Erinnerung haben dürfte: 1995 verkaufte die Stadt den Veranstaltungsbereich an den Achtermann, da sie die Halle nicht vernünftig betreiben konnte. Schließlich hatte man ja noch das Odeon, aber das wurde 2013 geschlossen, da über Jahrzehnte kein Geld in die Bauunterhaltung gesteckt wurde. Man landete im anscheinenden Nichts.
Die neue Halle soll nun die (Fehl)Entscheidungen der Vergangenheit gewissermaßen kompensieren. Und sie soll allen gehören: „Eine Halle, nicht für die, die sich ohnehin alles leisten können, sondern als ein Erlebnisort für Kinder und Jugendliche, um Kultur zu erleben und praktizieren zu können. Das ist eine riesige Chance für unsere Stadtgesellschaft“, so Erster Stadtrat Dirk Becker am 14. März in einer Infoveranstaltung der Stadt.
Diese Zielgruppe anzusprechen, ist durchaus gut und richtig. Aber wäre die Jugend nicht auch gut in den Räumlichkeiten des KUMA aufgehoben, dem gerade erst mit 14 Millionen Euro eingerichteten Kulturmarkt, der weit unter seinen Möglichkeiten genutzt wird.
Niemand spricht gegenwärtig über das KUMA, wenn es um die Stadthalle geht. Als würden sich beide gewissermaßen im Wege stehen. Niemand verweist auf die Möglichkeiten, die es hat. Zum Beispiel für Tagungen (eingerichtet für von 20, 40 bis zu 99 Personen), ist doch die Ausrüstung vom Feinsten und teuer angeschafft worden. Warum, so fragen wir, brauchen wir das alles noch einmal, wenn doch das KUMA bislang nur unterdurchschnittlich ausgelastet ist?
Noch einmal die Jugend. Das Goslarer Musical-Ensemble wird wohl nicht in die Halle einziehen wollen. Und wohl auch nicht können. Denn die Truppe benötigt Unterbringungsmöglichkeiten für das Equipment und braucht mindesten vier Wochen vor den Aufführungen, um alles aufzubauen und an Ort und Stelle zu proben.
Sie gehen lieber weiter in die Schlosserei am Rammelsberg, feiern lieber im Welterbe Premiere. Und haben recht: denn die Halle vermittelt eine besondere Atmosphäre und kann bieten, was Theaterleute und Musiker brauchen: Ein besonderer Ort der Inspiration, wo Theater, Musik, Begegnung und Austausch unter der Schirmherrschaft der Einzigartigkeit stehen. Was halt nicht jeder hat. Höchstens noch die Zeche Zollverein.
Die Rückkehr des Theaters nach Goslar dank Stadthalle. So ist´s gewünscht, so ist´s beschlossen. Das Theater für Niedersachsen aus Hildesheim meint, dass die Auslastung in Goslar bei 400 Plätzen liege und hat damit wohl recht. Die alte Theatergemeinde aus dem Odeon wird nicht zahlreicher. Im Gegenteil, die Theaterfreunde werden weniger. Und das liegt auch an dem Gebotenen: Zwei Sparten-Theater aus der Provinz hat doch eher recht konservative Spielpläne. Eher Klassiker als zeitgenössisches Drama, eher Operette als große Oper. Die Chance auch auf eine Erneuerung des Theaterrepertoires und damit auf die Erschließung eines neuen, jüngeren Publikums wird nicht genutzt. Oben am Rammelsberg wäre diese Chance viel größer, weil der Ort allein schon eine ganz andere Auseinandersetzung mit Theater herausfordert.
Aber auch die 2015 aufkeimende Idee, die Schlosserei zu ertüchtigen, hatte am Ende im Stadtrat keine Chance. Ein Architektenbüro aus Salzgitter-Lebenstedt hatte es bereits grob überplant, gezeichnet und berechnet, doch am Ende verwarf der Stadtrat diesen charmanten Gedanken. Denn es gab es ja bereits das großzügige Angebot, für 6,5 Millionen Euro eine Stadthalle geschenkt zu bekommen. Ach ja, die Einrichtung der Halle hätte nach damaligen Berechnungen des Architekten zwischen 1,3 und 1,6 Millionen Euro gekostet.
Bleibt die Halle für Veranstaltungen. Von der Großhochzeit, übers Firmenjubiläum bis hin zu kleinen Kongressen und Tagungen. Für all dies ist die Halle sicher hervorragend geeignet. Das Hotel wird für die Halle hoffentlich eine gewisse Auslastung ermöglichen und der Stadt einen guten Mietzins einbringen. Aber auch hier ein paar Tropfen Wasser in den Wein: zahlreiche Kongress- und Tagungsstädte konkurrieren hart um das Tagungsgeschäft, das wiederum ein Spiegel der wirtschaftlichen Prosperität unseres Landes ist. Und wie wir alle wissen, läuft es derzeit nicht so gut.
Nun soll es also die neue Halle sein. Die Finanzierung, wie sie Stadtrat Becker unlängst in best gelaunter Ernsthaftigkeit darstellte, wird immer unproblematischer. Die Zinsen sinken, die Kreditfinanzierung wird günstiger. Dank großzügig eingerechneter Subventionen (keinesfalls bewilligt) von Parteifreund Olaf Lies (derzeit Wirtschaftsminister in Niedersachsen) auch. Eigentlich wird es laut Becker immer günstiger zu bauen, wo ist also das Problem? Nun, es geht um Kosten, die wir noch nicht kennen können, weil erst der Tag des Baubeginns mit den dann errechneten Kosten zählt. Auf jeden Fall aber hat Stadt ein zusätzliches Projekt an der Backe, das sie auf Jahrzehnte hinaus finanzieren muss. Whatever it takes…..
Niemand der Verantwortlichen in Stadtverwaltung und Politik hat anscheinend einen Blick dafür, was die an Möglichkeiten so reiche Stadt Goslar im Portfolio hat. Kirchen wie Sankt Stephani, die über Platz, natürliche, akustische Qualität und damit über eine Konzerttauglichkeit verfügt, an der sich professionelle Akustiker in modernen Neubau-Hallen die Finger blutig puzzeln, werden nicht beachtet. Stattdessen plant man in der Stadthalle einen Konzertraum mit angedeutetem, weil versenkbaren Orchestergraben, der eher an ein Fußbecken für kneippende Wassertreter erinnert als an eine Einrichtung, die den Blick auf die Bühne nicht verstellt.
Ein Weiteres: ein Verdrängungswettbewerb könnte drohen, über den vielleicht noch nicht ausreichend nachgedacht wurde. Was wird aus Veranstaltungsorten wie dem Großen Heiligen Kreuz, der Frankenberger Kirche oder dem etwas verwohnten, aber liebenswerten Lindenhof, wenn die Stadthalle alles andere in den Schatten stellt? Auch, weil sie ja dringend Veranstaltungen braucht, um das erwartete Betriebsdefizit gering zu halten.
Zurück zur Stadthalle: In Leserbriefen war häufiger von einem „seelenlosen Zweckbau“ die Rede. Das ist sicher Geschmacksache, aber die Veranstaltungsmanager in der geplanten Gemeinnützigen Gesellschaft mit beschränkter Haftung (GGmbH) müssen „eierlegende Wollmilchsauen“ sein und den Spagat hinbekommen, den Wünschen und Ansprüchen des Hotels ebenso wie der Stadt gerecht zu werden, die ja laut Becker vor allen anderen Veranstaltungen im Haus den Vorrang haben soll. Das riecht nach Pulverdampf.
Warum also diese Halle? Weil wir sie dringend brauchen, weil sonst nichts geht in der Stadt, weil Musikfest, Klaviertage, Kreismusikschule und, und, und sonst keine Bleibe hätten? Nein, Goslar hat im Bestand Potenziale. Man muss sie nur erkennen und nutzen. Dann wird man sie auch schätzen lernen.
Team Initiative Bürgerentscheid
Modell der Stadthalle. Fotografiert im Goslarer Museum am 5. Oktober 2023 von Giovanni Graziano